Warum aus Hofheim im Taunus so viele Startup-Gründer kommen

"Aus einer Kleinstadt im Taunus kommen zahlreiche Gründer, die heute in der deutschen Startupszene bekannt sind. Hofheim hat etwas, was viele andere Städte nicht haben."

Reportage. Aus einer Kleinstadt im Taunus kommen zahlreiche Gründer, die heute in der deutschen Startupszene bekannt sind. Hofheim hat etwas, was viele andere Städte nicht haben.

Knapp 40.000 Einwohner, neun Grundschulen, ein Golf-Club. Hofheim am Taunus ist eine deutsche Kleinstadt in der Nähe von Frankfurt, die weder sonderlich auffällig noch besonders bekannt ist. Ein Aspekt aber sticht heraus: Aus Hofheim und dem Kreis kommen eine ganze Menge Startupgründer.

Darunter sind zum Beispiel Christopher Oster, der hinter dem Versicherungsstartup Clark steht, und seine Frau Sabine Oster, die als Innenarchitektin für Startups erfolgreich ist. Oder Tobias Johann, der den Investor Rheingau Founders mitgegründet hat. Außerdem der Gründer der Sachversicherung Schutzklick, Robin von Hein, sowie The-Hundert-Macher Jan Thomas oder Bjoern Keune, der Arzttermine.de mitgründete und führte, bis es 2016 von dem Gelbe-Seiten-Verlag gekauft wurde.

Hat die Stadt also doch etwas Besonderes? Oder warum stammen so viele Tech-Köpfe gerade aus Hofheim und Umgebung? Fragt man sie selbst, fällt ihnen schnell ein Grund ein: Hofheim ist sehr wohlhabend. Der Main-Taunus-Kreis gehört zu den zehn reichsten in Deutschland, das verfügbare Einkommen beträgt hier pro Kopf 26.670 Euro. In Hessen liegt davor lediglich der benachbarte Hochtaunuskreis, der es deutschlandweit auf den zweiten Platz schafft.

Nur in manchen Teilen Bayerns sind die Menschen noch reicher. „Die Einwohner von Hofheim sind gebildet, Väter sind beruflich meist erfolgreicher als die Mütter“, erklärt Janina Mütze, Gründerin des Umfragestartups Civey, die ebenfalls aus der Kleinstadt stammt. „Viele, die ich kenne, hatten ein Haus mit Garten, und der Papa arbeitete bei einer Bank oder der Lufthansa. Man wächst sehr konservativ und wohl behütet auf.“ Aber: Es gibt zahlreiche Städte mit einem solchen Profil, aus denen kaum Startupgründer hervorgehen. Geld allein reicht also nicht als Erklärung.

An den Schulen zumindest scheint es nicht zu liegen: „Meine Deutschlehrerin fragte in der Oberstufe, was wir mal machen wollen“, erzählt Hofheimer Marcel Hollerbach, der gemeinsam mit Co-Hofheimer Dominik Matyka hinter dem Risikokapitalgeber Cavalry Ventures steht und mit ihm bereits 2006 ein erstes Unternehmen gründete. „Als ich sagte, ich wollte ein Unternehmen gründen, hat sie die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen.“

Investor Hollerbach glaubt: „Es liegt an der Zusammenstellung der Leute: Hofheim ist voller Unternehmer und Manager.“ Ein bekanntes Beispiel: Der frühere Vorstand der Deutschen Bank, Jürgen Fitschen, wohnt ebenfalls in der Kleinstadt. Das ist aber nicht alles. „In meiner Wahrnehmung ist der Ursprung Marcus Börner“, sagt Gründerin Janina Mütze. Der heute 32-Jährige hat bereits zu Schulzeiten im Jahr 2004 ReBuy gründet, gemeinsam mit dem Freund Lawrence Leuschner, der das Unternehmen bis vor Kurzem leitete.* Die Plattform, über die Privatleute gebrauchte Sachen kaufen und verkaufen können, soll 2016 etwa 85 Millionen Euro umgesetzt haben. Auch Börners aktueller Geschäftspartner Oliver Oster sieht das ähnlich.

Er und Börner haben Ende 2014 das Finanzstartup Optiopay gegründet und gingen beide in Hofheim zur Schule. „Marcus hat mich in der 12. Klasse im Schwimmbad gefragt, ob ich ihm eine Webseite designen könnte“, erinnert sich Oster und lacht. „Aber was er damals von mir wollte, konnte ich nicht.“ Mit Cavalry-Macher Marcel Hollerbach sind beide ebenfalls seit Schulzeiten befreundet. Der sagt: „Zu mir kam Marcus mit einer Internetidee und hat mich gefragt, ob ich ihm das programmieren könne. Verstanden, was er da vorhatte, habe ich damals auch nicht.“

Im Gespräch mit Gründerszene erinnert sich Börner an den Beginn seiner Berufslaufbahn. „Ich habe früh angefangen zu arbeiten – und wurde in meinen Nebenjobs immer ausgebremst.“ Zum Beispiel in der städtischen Therme als Küchenhilfe. „Ich hätte gern die Inventur optimiert, die war total aufwendig“, so Börner. „Und ich wollte die Preise der Händler vergleichen.“ Ernst genommen habe man ihn allerdings nicht. „Sicherlich, weil ich ein so junger Kerl war.“

Seine Energie steckte Börner dann gemeinsam mit Lawrence Leuschner in den ersten Businessplan von ReBuy. Die ursprüngliche Idee: Videospiele sollten via Internet getauscht werden. „Wie beim Video-Krebs, nur eben online“, so Börner. „Den Video-Krebs kannte jeder in Hofheim: Das war das Geschäft des Händlers Robert Krebs, wo man Spiele tauschen konnte.“

Kurz nach dem Abitur haben Börner und Leuschner dann für ihr Unternehmen das Studium geschmissen – und sind 2006 nach Berlin gezogen. Dort wurde das Vorbild ReBuy zum Anziehungspunkt für andere Hofheimer. „Zum Teil haben zehn oder elf Leute in unserer WG übernachtet“, sagt Börner. Die diente gleichzeitig als Büro.

„Das Schlafzimmer war auch Meetingraum.“ Als einmal ein interessierter Investor vorbeischaute, „lag eben noch jemand im Bett“. Diese Nähe und ihr Netzwerk sehen die Gründer aus der Kleinstadt als wichtigen Grund für ihr Durchhaltevermögen in der schnelllebigen Startupwelt. Sie sind zum Teil erst knapp über 30 Jahre alt, aber bereits seit mehr als einem Jahrzehnt in einer Branche unterwegs, in der es wahrscheinlicher ist, pleite zu gehen, als erfolgreich zu werden.

„Jeder von uns hat schon Staub gefressen“, sagt Marcus Börner. „Das Netzwerk aber hilft immer, wenn man es braucht“, findet Mütze. „Auch in schweren Zeiten“, sagt Hollerbach. „Wir kennen uns zum Teil seit dem Kindergarten.“ Vertrauen sei die starke Basis, erklärt Börner. „Wir sind alle gut befreundet, es gibt keine Abzocke.“ Denn die kann in der Startupszene durchaus vorkommen: Nicht selten streiten sich Geschäftspartner untereinander oder mit ihren Investoren. Auch die Hofheimer finanzieren sich teils gegenseitig.

Der Kreis aber sei selbstregulierend, sagt Oliver Oster. „Keiner baut Unfug, wir sind sehr loyal und hilfsbereit zueinander. Außerdem könnte man es sich gar nicht leisten, sonst würde es Ärger von den Eltern geben“, sagt Oster und lacht. „Spätestens zurück in Hofheim, an Weihnachten.“

 

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8. Januar 2018 | Christina Kyriasoglou

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